Die Wurfmaschine

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OTV II: Spiel gegen Lüttringhausen – Gegenwart warte

Wie mit dem Ball

Spielähnliche Darstellung

Helmut Kohl hat einmal gesagt: „Die Realität ist nicht immer gleich die Wirklichkeit“. Ein Satz, über den ich lange nachgedacht habe – wobei ich eigentlich nicht dazu neige, über Sätze von Helmut Kohl nachzudenken. Dieser Satz jedoch beschäftigte mich. Bis zum letzten Samstag. Da wurde mir die tiefe Bedeutung dieses Satzes schlagartig nach unserer 30:28 Niederlage gegen Lüttringhausen bewusst. Denn manchmal gibt es so Tage, an denen die Realität nicht immer gleich die Wirklichkeit ist. So einen Tag hatten wir allesamt in diesem Spiel erwischt. Es war einer dieser Tage, an dem man auch die eigene Gegenwart verpasst.

Die Gegenwart ist nämlich ein merkwürdiges Ding. Kaum ist sie da, ist sie auch schon wieder weg. Wenn man über die Gegenwart redet, ist sie schon in der Vergangenheit. Eigentlich verpasst man die eigene Gegenwart permanent. So wie man einen Bus verpasst, oder das leere Tor – obwohl das leere Tor zu verpassen, schon deutlich schwieriger ist. Immer ist man einen Moment zu spät bei der Gegenwart – nicht bei dem Tor. Von der Gegenwart sieht man nur die Rücklichter. Da kann man sich noch so beeilen, die Gegenwart fährt schon längst die Straße runter. Im besten Fall gehen gerade die Türen zu, wenn man an der Haltestelle ankommt.

Wobei, eigentlich hat die Gegenwart ja keine Haltestelle. Getrieben von einem manisch grinsenden Busfahrer, fährt die Gegenwart unaufhaltsam einfach durch. Da kann man sich sogar auf die Straße werfen. Die Gegenwart fährt einfach über einen drüber und man merkt es noch nicht mal. So wie am Wochenende das Spiel schon angefangen hatte, wir aber noch in unserer eigenen Vergangenheit waren. Das heißt, wir waren da aber nicht hier. Vielleicht waren wir auch hier und nicht da. Auf jeden Fall waren wir nicht auf dem Platz, obwohl es eigentlich aussah, als würden wir auf dem Platz stehen, denn die Gegenwart war da schon weg und wir 3:0 zurück.

Nun ist das bei der Gegenwart dummerweise so, dass sie nur einen Moment dauert. Man weiß allerdings nicht genau welchen. Der Moment ist zumindest lange genug, um unachtsam zu sein – in der Deckung zum Beispiel. Wenn man da einen Moment unachtsam ist, dann hat man schon ein Tor kassiert. Sobald man dann darüber nachdenkt, ist die Gegenwart, in der man das Tor kassiert hat, schon Vergangenheit. Was bedeutet, über die Gegenwart kann man nicht nachdenken, sonst ist sie weg. Anders ist es, wenn man länger unachtsam war und ein Spiel verliert. Dann ist das verlorene Spiel durchaus gegenwärtig – nicht nur in der Vergangenheit. Was wiederum bedeutet, die Folgen der Gegenwart können durchaus gegenwärtig sein; und das nicht nur einen Moment, sondern so lange bis die Saison samt der Tabelle auf SIS verschwindet.

Hochinteressant wird es jetzt, wenn jemand die Gegenwart für sich beansprucht, dann vollzieht die Gegenwart eine seltsame Metamorphose. Sie dehnt sich sowohl in Zeit als auch in Raum aus. „In meiner Gegenwart schießt du kein Tor“, sagt es dann. Und schon steht so eine Gegenwart mitten im Raum, die nicht die eigene ist, und verschwindet erst, wenn der andere verschwindet. Im Prinzip könnte man einfach behaupten: „Pfff, bleib ich halt in meiner Gegenwart, blödes Arschloch. Denn in meiner Gegenwart kann ich Tore schießen so lange wie ich will“. Damit würden sich zwei Gegenwarte gegenüberstehen, was nicht geht, denn es gibt keine Mehrzahl von Gegenwart.

Allerdings ist das auch eine schlechte Strategie, wenn der Schiedsrichter, eine völlig andere Gegenwart hat. Da sollte man darauf achten, sonst kann man in seiner Gegenwart so viele Tore schießen, wie man will und keiner merkt es. Jedoch ist es manchmal auch nicht einfach herauszubekommen, welche Gegenwart der Schiedsrichter hat. Denn die kann durchaus langsamer sein, als die eigene Gegenwart. Vor allem, wenn die Schiedsrichtergegenwart eine so lange Vergangenheit hinter sich herzieht, dass sie die Gegenwart bremst. Wenn dann gleichzeitig nur noch sehr wenig Zukunft vorhanden ist, die die  Gegenwart nach vorne zieht, dann bleibt die Schiedsrichtergegenwart hinter der erwartbaren Spielgegenwart zurück. Am Wochenende konnte man jetzt aber nicht sagen, dass unsere Gegenwart schneller war, als die der Schiedsrichter. Unsere am Wochenende vergangene Gegenwart bewegte sich mehr quer zur vergangenen Gegenwart des gesamten Spiels.

Wie man sieht, ist das mit der Gegenwart eine sehr komplizierte Sache. Man wundert sich, dass die Gegenwart noch keine Kriege ausgelöst hat. Eine Enttäuschung ist in dieser Hinsicht auch das Buch „Kriege der Gegenwart“. In dem Buch geht es ausschließlich um Kriege der Vergangenheit, die nicht wegen der Gegenwart geführt wurden. In diesem Sinne ist das Spiel Vergangenheit und da sollte es am besten auch bleiben.

Bitte beantworten Sie auf Basis des Textes folgende Frage:

Musste das sein?

a) nein

b) ja

c) och, hmpf

d) Hitler

So viel für heute aus dem Telekolleg Philosophie. In der nächsten Woche geht es dann um das Verhältnis von in der Vergangenheit beendeter Zukunft zur zukünftig beendeten Vergangenheit.

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